Ein Label allein ist noch lange keine wirksame Positionierung

Interview mit
Martin Matheo Doeller

Gesprächsführung Verbandsredaktion
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel, funktionelle Lebensmittel und Gesundheitsprodukte wächst rasant und mit ihm auch der Wettbewerbs- und Regulierungsdruck auf den Mittelstand. Wie behauptet man sich zwischen aggressiven Online-Marken, regulatorischen Hürden, Health Claims und austauschbaren White-Label-Angeboten? Im Gespräch erklärt der Positionierungsstratege Martin Matheo Doeller, warum Unternehmen ihre Existenz gefährden, wenn die Positionierung nicht passt.
NEM-Redaktion:
Herr Doeller, der Markt für Nahrungsergänzungsmittel und ganzheitliche Gesundheit boomt. Gleichzeitig stehen mittelständische Hersteller und Händler unter starkem Druck – von strenger Regulierung bis hin zu Preiskämpfen auf Marktplätzen. Warum ist Positionierung gerade in unserer Branche zur Überlebensfrage geworden?
Martin Matheo Doeller:
Weil der Markt schlichtweg übersättigt ist und voll von austauschbaren Versprechen. Wenn gefühlt jeder zweite Anbieter dieselbe Kapsel mit denselben Standardformulierungen anbietet, gilt das Gesetz des Preises: Wer nicht die erste Wahl in den Köpfen der Kunden ist, wird über Rabatte verglichen. Wohin das führt, ist wohl jedem klar. Viele Unternehmer merken, dass gute Produkte allein nicht mehr reichen. Denn Kunden kaufen keine Produkte, sondern gute Gefühle. Außerdem verlangen sie heute Transparenz und Offenheit, während der Gesetzgeber immer engere Grenzen setzt. Genau hier entscheidet die Positionierung: Sie gibt dem Unternehmen, der Marke, ein klares Profil und sorgt dafür, dass man nicht nur wahrgenommen, sondern als glaubwürdige Lösung verstanden wird.
NEM-Redaktion:
Wenn ein Unternehmen aus dem NEM- oder Kosmetikbereich zu Ihnen kommt und sagt: „Wir brauchen ein neues Branding und mehr Sichtbarkeit“ – wo setzen Sie an?
Martin Matheo Doeller:

Ich prüfe zuerst, ob der ehrliche Wille da ist, Bestehendes auf den Prüfstand zu stellen, ob man ein starkes Fundament bauen möchte, oder ob man nur nach oberflächlichem Marketing sucht.

Gerade in unserer Branche wird enorm viel Geld verbrannt. Man heuert Agenturen an, die tolles Design liefern oder interessante Social-Media-Kampagnen aufsetzen, aber am eigentlichen Produkt- und Unternehmensverständnis ändert sich nichts. Sichtbarkeit ist gut und wichtig, aber wenn die Positionierung nicht stimmt, macht es nur das Unvollkommene sichtbarer.

Positionierung ist kein Marketing. Sie ist ein Prozess, der zum wahren Kern der Verbindung von Kunden und einer Marke führt. Und sie sollte immer Chefsache sein. Die zentrale Frage lautet nicht: „Wie werden wir sichtbarer?“, sondern: „Wofür stehen wir und welchen echten Mehrwert stiften wir?“ Man könnte auch sagen: „Was haben die Menschen davon, dass es uns gibt?“

NEM-Redaktion:
Viele mittelständische Hersteller verfügen über herausragendes Know-how und trotzdem tun sie sich schwer, das nach außen überzeugend zu vermitteln. Woran liegt das?
Martin Matheo Doeller:

Lassen Sie es mich konkret formulieren: an Betriebsblindheit. Wer seit Jahrzehnten erfolgreich ist und Produkte perfektioniert hat, hält seine Welt für die einzig wahre. Viele verschließen die Augen davor, dass sich die Welt nun mal massiv verändert – und mit ihr ganze Märkte und vor allem die Menschen.

Fragt man Unternehmen nach ihrem Alleinstellungsmerkmal, hört man oft: „höchste Bioverfügbarkeit, laborgeprüft, ohne Zusatzstoffe und dergleichen.“ Das Problem: Genau diese Sätze behaupten Newcomer auf Amazon oder Instagram auch. Das noch viel größere Problem ist: Deshalb kaufen die Kunden heute nicht mehr. Sie kaufen das, was tiefer liegt: das „Produkt hinter dem Produkt“, den emotional spürbaren Vorteil. Ob man es wahrhaben will oder nicht: Ein gutes oder sehr gutes Produkt ist heute selbstverständlich und noch lange kein Grund, warum Kunden kaufen.

NEM-Redaktion:
In der Arbeit geht es auch um „Sinn“ als wirtschaftlichen Vorteil. Wie lässt sich dieser Begriff betriebswirtschaftlich greifen?
Martin Matheo Doeller:
Sinn ist das, was übrig bleibt, wenn man alle Werbeversprechen und Claims weglässt. Im Gesundheitssektor ist Sinn kein „Nice-to-have“, sondern die Basis von Vertrauen. Es ist die Verlässlichkeit, die Integrität und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber Menschen und Umwelt. Außerdem ist Purpose der wahre Grund, warum Mitarbeiter wissen, warum sie bei Ihnen arbeiten sollen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Sinnorientierte Unternehmen haben in der Regel kein oder ein wesentlich geringeres Fachkräfteproblem. Man kann es also als wirklich „sinnvoll“ ansehen, dem Thema genug Raum zu geben.
NEM-Redaktion:
Viele Unternehmen versuchen, auf jedem digitalen Kanal präsent zu sein, Podcasts zu starten oder Influencer einzubinden. Sie warnen jedoch vor Aktionismus. Warum?
Martin Matheo Doeller:

Weil Sichtbarkeit und Reichweite ohne klare Botschaft schlichtweg nichts bringen, außer vielleicht Kunden, die nicht zum Unternehmen passen. Wer Content ohne Strategie produziert, verbrennt am Ende nur wertvolles Budget.

Was nützt es einer Marke, wenn Tausende ein Posting sehen, aber niemand begreift, warum man für ein Produkt mehr bezahlen soll als für das Discounter-Präparat? Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck. Zuerst muss das Fundament stehen – die Positionierung – erst danach baut man die Kommunikation strategisch auf. Wir verwenden dafür die Methodik der Themenmatrix und schaffen damit nachhaltige Sichtbarkeit auf relevanten Kanälen und nicht nur auf Social Media.

NEM-Redaktion:
Ein drängendes Thema für viele traditionsreiche Betriebe ist aktuell der Generationenwechsel. Welche Rolle spielt Positionierung bei einer Übergabe?
Martin Matheo Doeller:

Eine wirklich entscheidende. Die Nachfolge ist oft der größte Stresstest für Unternehmen und Unternehmerfamilien. Auf der einen Seite steht die Gründergeneration, die den Betrieb über Jahrzehnte mit viel Herzblut und großer Kompetenz aufgebaut hat. Auf der anderen Seite kommt die nächste Generation mit neuen Ideen, digitalem Mindset und modernen Ansätzen und Vertriebskanälen.

Die Gefahr besteht darin, entweder im Gestern zu verharren oder das Kind mit dem Bade auszuschütten. Als Sparringspartner und Mediator erlebe ich immer wieder, dass eine vage Positionierung für ordentlich Konfliktstoff in der Nachfolge sorgt. Zugleich ist diese Phase ein idealer Zeitpunkt, um die Positionierung zu hinterfragen, zu schärfen oder zu stärken.

Kurz: die Erfahrung des Seniors und die Dynamik des Juniors sinnvoll zu verbinden und das Unternehmen damit zukunftsstark auszurichten.

NEM-Redaktion:
Herr Doeller, was ist Ihr wichtigster Ratschlag an Unternehmer und Führungskräfte in der Gesundheits- und Nahrungsergänzungs­mittelbranche?
Martin Matheo Doeller:

Zäumen Sie das Pferd nicht von hinten auf und hören Sie auf, produktzentriert zu denken! Wenn ein Konkurrent mit einem neuen Trend-Inhaltsstoff wirbt, lassen Sie ihn! Drehen Sie den Blick um: Schauen Sie nach innen, finden Sie Ihre wahren Stärken und die echten Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe! Fragen Sie sich einfach: Woran merken die Menschen, dass wir einen echten Unterschied machen? Wenn Sie darauf die richtige Antwort haben, haben Sie schon fast gewonnen.

Martin Matheo Doeller ist ganzheitlicher Business-Mentor, Referent und Autor.
Als Positionierungsexperte begleitet er Unternehmen bei ihrer strategischen Ausrichtung.
Dies mit besonderer Expertise in der Nahrungsergänzungs- und Beautybranche.

www.martindoeller.com

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